Der Contrarian-Investmentansatz

Contrarian-Strategie

Contrarian-Strategie

Viele von uns kennen Dynamiken wie den Gruppenzwang bereits seit Kindesalter. Alle springen im Schwimmbad vom Drei-Meter Brett – ich also auch. Fast der gesamte Freundeskreis beginnt mit dem Rauchen – ich muss es ebenfalls mal probieren.

Menschen, die sich erfolgreich gegen diesen sozialen Druck und solche Dynamiken stemmen können, verfügen über verschiedene geistige Werkzeuge. Beispielsweise ein enormes Selbstvertrauen oder aber feste Werte und Prinzipien, nach denen sie ihr Leben gestalten.

Soziale Zwänge, wie die oben beschriebenen, existieren zuhauf. Auch an der Börse.

Der Punkt ist, dass dieses Herdenverhalten an der Börse oftmals nicht besonders positive oder aber rentable Folgen für den Investor hat. Denn oftmals wird man als Teil der Herde, zu einem brav folgenden, jedoch nicht (ausreichend) selbständig und kritisch denkenden Investor.

Erfolgreich sind i.d.R. jene Investoren, die sich ihre Meinung zuallererst selbst bilden und sich dann zusätzlich die Perspektiven und Empfehlungen anderer (erfolgreicher) Investoren anhören.

Dann gibt es noch jene Investoren, die sich komplett gegen die Richtung der Herde verhalten und versuchen, vom Irrtum der Massen zu profitieren – dies ist die sogenannte Contrarian Strategie.

 

Was ist die Idee dieser Strategie?

Investoren, die nach dem Contrarian-Ansatz investieren, handeln antizyklisch bzw. entgegen der allgemein vorherrschenden Marktstimmung. Diese Investoren besitzen das Wissen, den Mut und die innere Überzeugung, dass die Allgemeinheit sich irrt.

Ein Contrarian-Investor geht von der Annahme aus, dass wenn die große Mehrheit der Investoren dasselbe tut, wird es recht bald eine komplette Kehrtwende dieses Trends geben.

Verkaufen alle Anleger einen Titel aus Angst, oder aufgrund von falschen und aufgeblähten Informationen, wird dies dazu führen, dass dieser Titel sehr schnell, für sehr wenig Geld zu erhalten ist.

Auch ich kaufe sehr regelmäßig und gern solche „abgestraften“ und „billigen“ Unternehmen. Peter Lynch schreibt in seinem Buch, dass Titel, die vom Markt bereits stark abgestraft wurden, ein sehr interessantes/positives Rendite-Risiko-Verhältnis aufweisen. Denn nach unten können sie i.d.R. nicht mehr soweit fallen – nach oben steigen, jedoch schon…

Selbes Spiel bei Kauf-Anstürmen: Wenn die Massen einen Titel stark kaufen, wird dieser immer teurer und i.d.R. zügig stark überbewertet. Hier gilt dann oftmals das Kredo: Wer für seine eigenen eigentlichen Verhältnisse zu hoch steigt, fällt auch sehr tief – siehe Wirecard.

Der Contrarian-Investor nutzt entweder eine zu hohe Euphorie, um sich frühzeitig zu verabschieden oder aber einen zu großen Pessimismus für ein finanzielles Engagement. 

Amazon-Link

 

Was sind die Herausforderung bei der Contrarian-Strategie?

Der erste schwierige Punkt ist der Psychische-Druck, der durch diese Strategie entstehen kann. Wenn Freunde und Bekannte auf einen einreden und es alle „besser wissen“, ist es schwierig, sich geistig komplett von deren Meinung frei zu machen und u.U. komplett gegensätzliche Investmententscheidungen zu fällen.

Auch die heutzutage allgegenwärtige Berichterstattung durch die Medien, macht eine Contrarian-Investitionsentscheidung nicht einfacher.

Der zweite nicht einfache Punkt bei dieser Strategie ist das Timing. Ein Contrarian, im Gegensatz zum passiven Investor, versucht logischerweise über das Timing von Investitionen sein finanzielles Engagement zu bestimmen.

Das Timing kann z.B. abhängig von bestimmten Verlautbarungen eines Unternehmens (Jahresabschluss, Jahreshauptversammlung etc.), Insider-Informationen (wohl eher selten der Fall) oder anderen Wissensquellen sein.

Ebenfalls existiert auch ein sogenannter Medienindikator. Dieser repräsentiert das Börseninteresse aus medialer Sicht. Je stärker ausgeprägt dieser ist, desto näher ist dann zeitlich gesehen „angeblich“ die Wende.

 

Was sagt die Wissenschaft zur Contrarian-Strategie?

Für den Zeitraum von 1926 bis 1982 untersuchten Debondt/Thaler (1985) die realisierten Renditen für ein sog. „Verlierer-Portfolio“ sowie ein sog. „Gewinner-Portfolio“.

Das Verlierer-Portfolio bestand dabei aus Aktien bestimmter Marktsegmente mit den niedrigsten realisierten Renditen. Das „Gewinner-Portfolio“ setzte sich vice versa aus den Werten mit den höchsten realisierten Renditen zusammen.

Für Periodenlängen von 36 Monaten wurden im Rahmen dieser Strategie Überrenditen von 24,6% von dem „Verlierer-Portfolio“ realisiert.

Auch bei einer Verlängerung der Periode auf 60 Monate blieb der Effekt behalten und verstärkte zudem die realisierte Rendite des „Verlierer-Portfolios“ weiter.

Des Weiteren untersuchten die Autoren das Risiko-Rendite-Verhältnis dieser beiden Portfolios. Dabei stellten sie fest, dass das eig. sog. „Verlierer-Portfolio“ nicht nur eine höherer Rendite generierte, sondern zudem ein niedrigeres Risiko-Niveau im Vergleich zum „Gewinner-Portfolio“ aufwies.

Für den Zeitraum von 1961 bis 1991 führten Schiereck/Weber (1995) ebenfalls eine Analyse für den deutschen Aktienmarkt durch.

Für fünfjährige Zeiträume identifizierten sie für ein Portfolio mit den 20 „Verlierer-Aktien“, eine realisierte Überrendite von 22,37%! Im Vergleich dazu, generierte das Portfolio mit den „Gewinner-Aktien“ eine Rendite von 0,67%.    

Es existieren einige weitere anerkannte wissenschaftliche Studien, die den Contrarian-Effekt ebenfalls klar bestätigen.

 

Wie fällt ein Contrarian-Investor seine Investitionsentscheidungen?

Ein erfolgreicher Contrarian-Investor sollte für sich als aller erstes eigene fixe Spielregeln definieren. Damit sind Anlage-Verhaltensregeln gemeint, mit deren Hilfe man die eigenen Emotionen ausschaltet bzw. reduziert und Investitionsentscheidungen fällt.

Denn wenn die Emotionen erst einmal einsetzen, ist die Contrarian-Strategie langfrisitg schwierig erfolgreich durchzuziehen.

Am besten gelingt dies dem Contrarian-Investor, indem er sich beispielsweise an bestimmten, im Vorfeld festgelegten Kennzahlen, orientiert.

Eine Schema-F, heißt also, eine klar definierte Anlage- sowie Verhaltensstrategie ist hier extrem wichtig und kann enorm zum Anlageerfolg beisteuern.

Ohne solch eine Anleitung an die sich der Contrarian-investor stets halten kann, ist es schwierig, sich von der Meinung der Masse geistig loszumachen.

 

Corona-Krise und der Contrarian-Ansatz

Gerade die Corona-Krise zeigt wunderbar das Herdenverhalten der allermeisten Anleger auf. Täglich werden neue Unternehmen von den Medien als „wirtschaftlich tot“, unrentabel und nicht lohnenswert für eine Investition befunden.

Insbesondere Branchen, die sehr direkt unter den Einschränkungen dieser Epidemie leiden, bekommen von den Medien ihr Fett ab und werden stark vom Markt abgewertet.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurden genau jene Unternehmen, die jetzt von den Medien als „schlechte Investitionsmöglichkeit“ bewertete werden, als „beste Anlage-Option“ identifiziert.

Die Luftfahrt- oder die Tourismus-Schifffahrtsbranche sind beispielsweise momentan wirtschaftlich arg gebeutelt und fallen genau in die oben angesprochene Kerbe der medialen Zerstörung. Darunter befinden sich Unternehmen wie MTU, Airbus oder Carnival.

Vor der Corona-Krise wurden diese Unternehmen in den Medien durchweg empfohlen und gut bewertet. Jetzt sollte man angeblich besser nicht mehr in sie investieren…

Ich habe diese und weitere Unternehmen, die durch die Corona-Krise stark abgewertet wurden, gekauft.

Vorausgesetzt, dass diese Unternehmen diese Krise überleben, ist die Chance eines sehr starken Kurs-Aufschwungs aus meiner Sicht nicht gerade gering.

 

Fazit

Ich selbst handle bei vielen meiner Anlageentscheidungen sehr antizyklisch und bin damit bisher sehr gut gefahren. Viele Punkte einer Contrarian-Strategie finde ich absolut sinnvoll.

In (fast) allen Lebens- und Geschäftsbereichen wird man als Teil einer großen Masse, die einem einzigen Trend folgt, wohl nie richtig Geld machen können. Der Contrarian kann dies durch sein im Vergleich zur Masse gegensätzliches Verhalten durchaus schaffen.

Wie du weiter oben bereits lesen konntest, bietet solch ein Investment-Ansatz aus wissenschaftlicher Sicht ein durchaus attraktives Rendite-Risiko Profil!  

Ich selbst würde jedoch nicht (Stand jetzt) mein gesamtes Portfolio basierend auf einer Contrarian-Strategie investieren. Stattdessen wähle ich einen festen Anteil aus, den ich mittels der Contrarian-Strategie investieren möchte.

Hintergrund ist hier, dass ich auch gern in Unternehmen investiere, die einen momentan einen enormen Wachstum verzeichnen und dies vorrausichtlich auch noch einige Zeit tun werden. Hier springe auch ich auf Trends mit auf – jedoch nur, wenn ich von diesem Unternehmen komplett überzeugt bin.

Momentane Beispiels für „Trend-Investments“ sind bei mir beispielsweise PayPal, Zalando oder HelloFresh.

Aus meiner Sicht sollte jeder Investor sich zumindest einmal mit der Contrarian-Strategie auseinandergesetzt haben. Denn diese beinhaltet nicht nur aus finanzieller, sondern auch aus psychologischer Sicht viele interessante Aspekte.

 

Literatur-Empfehlung für die Contrarian-Strategie (Amazon-Links)

In diesem Buch von Carl Futia erfährst du, wie du mit Hilfe der Contrarian-Strategie den Markt schlagen kannst und Markt-Blasen sowie -Crashs vermeiden kannst. Sehr gut geschrieben und super interessant!

David Dreman beschreibt in diesem Buch sehr genau die Psychologie, die hinter vieler unser Investment-Entscheidungen wirkt. Dreman beschriebt sehr überzeugend, warum die Contrarian-Strategie so mächtig und rentabel ist. Extrem interessantes und sehr angenehm zu lesendes Buch – Empfehlung! 

 

 

 

 

 

Quellen:

https://www.faz.net/aktuell/finanzen/anlagestrategien-der-contrarian-ansatz-115396.html

https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/aktien/die-contrarian-strategie-kaufen-sie-aktien-die-keiner-haben-will/7262224.html

http://dercontrarian.de

Written by Tommi